Abschlussveranstaltung der Nunca Mais Brasilientage: Erinnerungskultur und Gerechtigkeit in Brasilien

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Das Podiumsgespräch „Erinnerungskultur und Gerechtigkeit in Brasilien“ am 27.12.2015 im Ibero-Amerikanischen Institut bildete den offiziellen Abschluss der Nunca Mais Brasilientage.

Die Veranstaltungsreihe der Initiative Nunca Mais – Nie Wieder hatte im April 2014, 50 Jahre nach dem Militärputsch in Brasilien, begonnen. Nach mehr als 30 Diskussions- und Informationsveranstaltungen, Seminaren und Symposien, Lesungen und Filmreihen in Brasilien und Deutschland sollte das Podiumsgespräch in Berlin einen Bogen schlagen und dabei insbesondere die aktuellen Herausforderungen und Perspektiven der Erinnerungskultur und juristischen Aufarbeitung in Brasilien thematisieren.

Sara Fremberg, die die Veranstaltung moderierte, gab zum Einstieg IMG_6038 einen kurzen Überblick über die wichtigsten Eckpunkte und Besonderheiten der brasilianischen Diktatur. Nach einem Videospot der Initiative Ocupa Dops, die sich für die Einrichtung eines Erinnerungsortes in der regionalen Zentrale des ehemaligen brasilianischen Geheimdienstes DOPS in Rio de Janeiro einsetzt, begann das Podiumsgespräch. Das DOPS war einer von mehreren Geheimdiensten, die während der brasilianischen Diktatur für Folterungen und Verschwindenlassen verantwortlich war:

Podiumsgäste waren Fernanda Pardal und Vera Paiva, die im Gespräch mit der Moderatorin zu verschiedenen Fragen Stellung bezogen. Fernanda Pardal, Aktivistin der Bewegung Ocupa Dops, sprach zuerst zu den Zielen der Bewegung und zum aktuellen Stand der Bemühungen um den Gedenkort in Rio.

IMG_6051_NEWPardal, die aktuell zum Thema Staatliche Gedenkpolitik im Bundesstaat Rio de Janeiro promoviert, stellte mehrere ehrenamtliche und staatliche Erinnerungsprojekte in Brasilien vor und zeigte auf, wie zögerlich der brasilianische Staat als solcher bis heute agiert. Deutlich wurde in ihrem Vortrag aber auch, wie engagiert und erfolgreich einige bundesstaatliche Regierungen das Thema angehen – wie beispielsweise in Rio de Janeiro und São Paulo:

Vera Paiva ist Mitglied verschiedener staatlicher Kommissionen, die sich in Brasilien mit den Themen Erinnerungskultur und Aufarbeitung beschäftigen, unter anderem in der Nationalen Menschenrechtskommission und in der Sonderkommission für politische Morde und Fälle von “Verschwindenlassen”. Ihr Vater Rubens Paiva, damals Kongressabgeordneter mit Verbindungen zum politischen Widerstand wurde 1971 von Militärs verschleppt, gefoltert und vermutlich ermordet. Seine Leiche ließen die Täter verschwinden.

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Im September 2015 entschied ein brasilianisches Gericht erstmals, dass ein Verbrechen aus der Zeit der Militärdiktatur als Verbrechen gegen die Menschheit zu bewerten sei und daher nicht verjähren kann – dieses Verbrechen war das Verschwindenlassen von Rubens Paiva .

Vera Paiva erzählte von der großen Bedeutung des Prozesses für sie und ihre Familie, aber auch von dem Schmerz, der sie bis heute begleitet. Im Folgenden ging sie auf die gravierenden Folgen der anhaltenden Straflosigkeit auf die heutige brasilianische Gesellschaft ein. Sie kritisierte insbesondere die Strukturen von Militär- und Polizeiapparat, die seit der Diktatur nicht reformiert wurden, und die sie als eine der Hauptursachen der exzessiven Gewaltanwendung durch die heutige Militärpolizei sieht, von der insbesondere die Bevölkerung in den Favelas betroffen ist.

Im Anschluss entspann sich eine rege Debatte mit den mehr als 70 anwesenden Publikumsgästen, die weitere Aspekte in den Mittelpunkt stellte. Neben Fragen zur Bewertung des Abschlussberichts der Wahrheitskommission erzählten brasilianische Besucherinnen und Besucher von ihrem schwierigen und oft schmerzhaften Umgang mit dem Diktatur-Thema, z.B. als Neffe eines von der Diktatur ermordeten Widerstandskämpfers, aber auch als Lehrerin an einer Schule, die noch immer den Namen eines führenden Militärs von damals trägt. Am Ende der Veranstaltung waren sich die Anwesenden einig, dass Brasilien in den vergangenen Jahren wichtige Schritte in Richtung Aufarbeitung getan hat, viele Herausforderungen jedoch insbesondere in den Bereichen Strafverfolgung und Erinnerungsaarbeit bestehen bleiben.

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